Religiöse Grundlagen des Yoga

Die religiösen Wurzeln des Yoga liegen im Hinduismus, der als drittgrößte Weltreligion gilt. Es gibt heute etwa 900 Millionen Hindus auf der Welt, von denen die größte Zahl in Indien beheimatet ist.
Hinduismus

Religionsforscher gehen davon aus, dass sich das religiöse System des Hinduismus aus einer Vermischung altindischer Religionen mit dem Glauben der aus dem Norden eingewanderten Arier entstanden ist.
Der Hinduismus kennt keine Dogmen und er ist eine polytheistische Religion. Es gibt viele verschiedene Götter und es fehlt ein einheitliches, für alle Hindus gültiges Glaubensbekenntnis. Der Hinduismus findet seine Einheit in der Vielfalt.

Die Hauptphilosophie des Hinduismus, die Advaita-Vedanta, sieht den Menschen in seinem Innersten als identisch mit der unpersönlichen Weltseele Brahman. Aufgabe des Menschen ist es, diese Identität zu erkennen. Die meisten der Hindus glauben an den Kreislauf der Wiedergeburten und die Reinkarnation. Neben den mündlichen Überlieferungen sind die Veden mit den Upanishaden und die Bhagavad Gita die grundlegenden heiligen Schriften aller Hindus. Man unterscheidet die Primäre Offenbarung und die Sekundäre Offenbarung. Zur Primären Offenbarung des Hinduismus gehören die das Shruti, das Gehörte. Dann folgen die Veda Rigveda, die aus 1028 Hymnen besteht, die Samaveda, die Opfergesänge enthält, die Yayurveda (das sind Prosaverse), die Atharveda, die Mantras und Beschwörungen enthält. Weiter gibt es die Brahmanas. Das sind Ritualtexte in Prose. Die Aranaykas sind mystische Geheimlehren. Schließlich zählen die Upanishaden mit ihren spirituellen Erkenntnissen und Geheimlehren zur Primären Offenbarung. Die Sekundäre Offenbarung enthält das Smrti, das Erinnerte. Dann folgt die Mahabharata, welche die Bhagavad Gita enthält. Weitere Bestandteile der Sekundären Offenbarung sind Ramayana, die Purunas mit der Bhagavata, das Tantra und die Vedangas.

Rigveda

Die Rigveda als Teil der Primären Offenbarung ist die Basis aller spirituellen Schriften; die Veden sind die erste Autorität im Yoga. Erst ab dem 5. Jahrhundert nach Christus wurden die Veden schriftlich fixiert, bis dahin lediglich mündlich weitergegeben. Das Rigveda benutzt das Wort Yoga im Sinne von Verbindung oder als Erwerb dessen, was man noch nicht erlangt hat. Die zu den Veden gehörenden Brahmanas enthalten die Pranavidya und die Meditationstechniken des Pranava-Yoga. Pranavidya ist die Wissenschaft der Prana und Pranava ist das heilige Mantra OM.

Upanishaden

Upanishaden kann man mit dem direkten Wissenaustausch zwischen Lehrer und Schüler übersetzen. Es sind Lehrschriften bzw. Lehrgedichte. 108 Upanischaden sind offiziell anerkannt; es gibt allerdings ca. 150. Sie sind in Prosa oder in Versform verfasst. Ihre Entstehung wird auf den Zeitraum von 700 bis 200 v. Chr. datiert. Die Lehrgedichte handeln von der Wiedergeburt, vom Karma, also dem irdischen Handeln und vom Wesen der unpersönlichen Weltseele Brahman und der persönlichen Seele Atman. Die Upanishaden behandeln aber auch das Yoga. Insbesondere findet man dort die Grundlagen des Kriya-Yoga, des Yoga der Tat. Erwähnt wird dort das Prana, die Lebenskraft und die Nadi, die feinstofflichen Energieleitbahnen. Am besten kann man das Yoga, das in den Upanishaden gelehrt wird, mit dem folgenden Zitat aus der Katha-Upanisad beschreiben: „Erkenne den Atman als den Herrn der Kutsche. Der Körper ist der Wagen, die Buddhi der Wagenlenker und das Denken die Zügel. Die Sinne sind die Pferde, die Objekte die Wege.“ Buddhi ist die Vernunft. Yoga ist, denkt man sich in dieses Sinnbild hinein, das Joch der Zugtiere.

Bhagavad Gita

Die Bhagavad Gita ist ein Teil des Epos Mahabharata. Die Mahabharata besteht aus 100.000 Strophen, die Bhagavad Gita aus lediglich 700 Strophen, die auf 18 Gesänge verteilt sind. Entstanden ist sie um etwa 400 v. Bhr. Die Bhagavad Gita ist eine Selbstoffenbarung des Gottes Krishnas. Er gibt sich auf dem Schlachtfeld vor dem Beginn eines gewaltigen Krieges dem Fürsten Arjuna als göttliches Wesen zu erkennen.

Die Bhagavad Gita beschreibt drei unterschiedliche Yogawege, die sich sich gegenseitig ergänzen sowie die Kennzeichen des wirklichen Yogi. Man erfährt die Grundlagen des Karma-Yoga, also den Weg des selbstlosen Handelns, des Bhakti-Yoga, den Weg der Gottesliebe und Hingabe und des Jnana-Yoga, den Weg der Erkenntnis durch Wissen, Selbstprüfung und Realitätsprüfung. In der Bhagavad-Gita sind aber auch unmittelbare Anweisungen für den Yoga, etwa zu Körperhaltungen, zur Meditation und zur richtigen Lebensweise enthalten. Ebenso werden ethnische Prinzipien behandelt; diese findet man später als Teil des Raja- oder Ashtanga-Yoga. Zu nennen sind die Yamas oder die Niyamas. Yamas sind die Prinzipien der Gewaltlosigkeit, Achtung vor dem Eigentum, Wahrhaftigkeit, Selbstkontrolle und maßvolle Enthaltung. Die Niyamas sind die Prinzipien der körperlichen Disziplin, der Bescheidenheit, der Hygiene, des Gottvertrauens und der Selbstreflxion. Behandelt werden auch die Reinkarnation, Meditation, Gotteserkenntnis und das Dharma. Das Dharma ist das Weltgesetz; es steht im Mittelpunkt des Hinduismus und handelt von Recht, Gesetz, Sitte, Tugend, Moral und religiöser und ethischer Verpflichtung. Das alles wird in einem Gespräch zwischen Krischna und Arjuna aufgefächert. Es werden also Wege aufgezeigt, die alle zum Ziel führen können.

Yoga ist keine Religion

Also: Auch wenn die Wurzeln des Yoga im Hinduismus liegen, ist das Praktizieren von Yoga für Menschen unterschiedlicher Religionen und Weltanschauungen möglich. Yoga ist keine Religion – obschon die Motivation für das Praktizieren darin bestehen kann , spirituelle Ziele zu verfolgen und zur Erleuchtung zu finden. Yoga ist aber auch kein Widerspruch zu religiösen Werten. Anlehnend an eine Lehre der Upanischaden sehen manche Yogis den Atem als universelles Prinzip, das alle Lebewesen verbindet. Aus den geschichtlichen Wurzeln heraus haben das Karma-Konzept und Reinkarnationslehren Yoga beeinflusst. Im islamischen Kulturkreis gibt es im Sufismus, der islamischen Mystik, Ähnlichkeiten zum Yoga. Die Yoga-Philosophie Patanjalis unterscheidet sich durch eine theistische Orientierung von der in vielen Punkten ähnlichen Samkhya-Lehre, in der der Glaube an einen Gott keine Rolle spielt.