Philosophie als Grundlage des Yoga

In Indien gibt es sechs klassische, orthodoxe Schulen der Philosophie. Sie heißen Darsanas.

Darsana heißt Beobachtung, Introspektion, Philosophie; sie sind auf die Anschauung des Heiligen und Göttlichen bezogen. Eine der Darsanas ist das Yoga. Die sechs Schulen erkennen die Autorität der Veden, die um 2000 v. Chr. entstanden sind, an. Die philosophische Schule des Yoga ist um 700 v. Chr. entstanden. Sie ist eine Lehre zur Integration von Körper und Seele in eine Einheit, die durch geistige und körperliche Übungen errreicht werden soll. Die weiteren philosophischen Schulen Indiens sind Mimansa, Vedanta, Samkhya, Nyaya und Vaisheshika.

Samkhya

Von besonderer Bedeutung für Yoga ist die Philosophie des Samkhya. Es kann mit Aufzählung übersetzt werden. Das Samkhya unterzieht wirklichkeitsbestimmende Elemente, die sog. 25. Tattvas, Wirklichkeiten, einer umfassenden Untersuchung. Das Wissen um diese Elemente führt nach dieser Philosophie zur Befreiung aus dem Kreislauf der Wiedergeburten. Der Gelehrte Kapila wird als Autor und Begründer der Samkhya-Sutra angesehen. Aus dem 4. Jahrhundert n. Chr. stammt das älteste erhaltende Werk. Es besteht aus 72 Lernstrophen. Die Philosophe des Samkhya hatte in Indien ihren Höhepunkt von 400 v. Chr. bis 700 n. Chr. Diese Epoche wird als die klassische bezeichnet. Das Samkhya-Yoga war die Praxis zur Theorie des Samkhya. Um 500 n. Chr. wurde die Philosophie des Samkhya vollständig von der des Yoga aufgenommen.

Gunas

In der Yoga-Philosophie wird von einem Dualismus des passiven bewußten Geistes, Purusha genannt, und der aktiven unbewußten Urmaterie, Prakriti genannt, ausgegangen. Der Urmaterie werden drei Grundeigenschaften, Gunas, zugeschrieben: Sattva – die Klarheit, das Seiende, Rajas – die Energie, die Leidenschaft und Tamas – die Trägheit, die Finsternis. Yoga dient dazu, die Sinnesorgane von den Sinnesobjekten zu trennen, damit die Sattva die Oberhand gewinnt. Yoga ist also auch hier ein Weg, eine Methode.

Kleshas

In der indischen Philosophie sind die Kleshas die fünf Ursachen des Leidens. Schon in den Upanishaden werden sie benannt. Die Klashas sind im Prinzip des Yoga Strukturen und Muster der menschlichen Psyche, die die Wahrnehmung und Handlung steuern und immer aufs Neue leidvolle Zustände hervorrufen. Die fünf Leiden sind Nichtwissen, Ichverhaftung, Begierde, Hass und der Selbsterhaltungstrieb. Dabei wird das Nichtwissen als der Nährboden der anderen gesehen.

Also: Weil Yoga ursprünglich aus Indien stammt, liegen die Wurzeln der Yoga-Philosophie im Hinduismus und Teilen des Buddhismus. Der einzelne Mensch wird dort als ein Reisender im Wagen des materiellen Körpers gesehen. Der Körper ist der Wagen, der Kutscher der Verstand, die fünf Pferde die 5 Sinnesorgane, der Fahrgast die Seele und das Geschirr heißt im Indischen “ Yoga „. Die ältesten Aufzeichnungen darüber finden sich in den Upanishaden , der wichtigste Quelltext des Yoga ist das Yoga-Sutra des Patanjali , s.o..

In der Bhagavad-Gita geben die Kapitelüberschriften jeweils eine besondere Form des Yoga an, z.B. Karma-Yoga oder Jnana-Yoga. Das deckt – für das Verständnis des Yoga wichtige – philosophisch-religiöse Hintergründe auf. Unter anderem enthält die Bhagavad-Gita ethische Unterweisungen, die z.B. die Yamas und Niyamas verdeutlichen. Die Schrift handelt von Karma, das ist das hinduistische und buddhistische Prinzip von Ursache und Wirkung, von Reinkarnation, Meditation, Dharma, Gotteserkenntnis und glaubensvoller Gottesliebe. Im Text findet man häufig bildhafte Darstellungen. So kann man etwa die feindlichen Verwandten, die Arjuna bekämpfen soll, als ein Sinnbild für die Kleshas interpretieren, von denen sich der Yogi reinigen soll.

Darüber hinaus gibt es in der Bhagavad-Gita direkte Anweisungen für den Yoga:
So heißt es im 5. Kapitel in Vers 27: „Sich lösend von der Außenwelt, starr auf die Nasenwurzel (‚Nasikagra‘) schauend – den Hauch und Aushauch (Ein-/Ausatmung) regelnd gleich, die durch der Nase Innres gehen“. (Anmerkung: ‚Nasikagra‘ verwechseln einige Übersetzer mit ‚Nasenspitze‘ – die meisten Yogis schielen aber nicht etwa, sondern blicken als Konzentrationsübung auf die Nasenwurzel zwischen den Augenbrauen, einen wichtigen Nerventreffpunkt).
Vers 28 wendet sich den spirituellen Zielen zu: „Zügelnd die Sinne, Herz und Geist, ganz der Erlösung zugewandt – befreit von Wünschen, Furcht und Zorn, so ist für immer er erlöst.“
Im 6. Kapitel geht es um Versenkung (Dhyana) und die richtige Lebensweise.

In Vers 10 heißt es: yogi yunjita satatam atmanam rahasi sthitah – ekaki yatachittama nirashir aparigraha. „Der Yogi soll beständig sich mühen in der Einsamkeit – Allein, bezähmend Sinn und Selbst, nichts hoffend, ohne Besitz“.
Vers 11 des 6. Kapitels enthält dann Anweisungen zur Sitzhaltung und sogar zur Sitzunterlage.

In Vers 12 heißt es: „Den Geist auf einen Punkt gerichtet, zügelnd Denken, Sinne und Tun – sich setzend auf den Sitz übe er Andacht zur Reinigung seiner selbst“.
Vers 13: „Gleichmäßig Körper, Nacken, Haupt unbewegt haltend bleib er fest – Schauend auf seine Nasenwurzel, nicht blick er hier und dorthin aus“.
Vers 33/34 geht auf religiöse Konzepte ein. Arjuna gibt zu bedenken, dass der Geist so schwer zu zügeln sei wie der Wind, und Krishna antwortet ihm, dass man den Geist durch Anstrengung und Entsagung disziplinieren könne. Dann fragt Arjuna, was denn mit den Menschen sei, die sich nicht zügeln können, ob die auf immer verloren seien. Krishna tröstet ihn mit dem Hinweis auf die Reinkarnation als weitere Chance, Samadhi zu erreichen.