Die Wurzeln der Geschichte des Yoga liegen im Hinduismus verborgen. Erste Texte mit Bezug zu Yoga sind an die 4000 Jahre alt. Die mündliche Überlieferung dürften bei weitem älter sein. Wir stellen die Geschichte des Yoga nachfolgend als Chronologie dar.

Chronologie des Yoga

Um 1750 bis 1200 v. Chr. entstehen die vier Veden, die Rigveda, Samaveda, Yayurveda und Atharvaveda. Sie sind damit die ältesten und zugleich wichtigsten Texte des Hinduismus. In der Rigveda, die über 1000 Hymnen umfasst, wird Yoga als Erwerb von etwas verstanden, was man noch nicht erlangt hat, oder als Verbindung.

Um 800 bis 500 v. chr. werden von indischen Pristern Brahmana-Texte mit der Meditationstechnik des Pranava (OM) verfasst.

Um 400 bis 200 v. Chr. entstehen die Upanishaden, etwas 150 philosophisch-hinduistische Lehrsätze, die in Versen, aber auch in Prosa verfasst sind. Es werden grundlegende Elemente der yogischen Atemlehre, Pranayama, und der feinstofflichen Energiebahnen, Nadi, sowie Mittel der Meditation, Dhyana, beschrieben. Auch die grundlegenden Elemente des Hathy-Yoga tauchen hier auf.

Ab 400 v. Chr. entsteht in einem Zeitraum von 800 Jahren die Mahabharata, ein indischer Epos in 100.000 Strophen. Er stellt das Zentrum der hinduistischen Überlieferungen dar und beschreibt auch schon Yogapraktiken.

Um 400 bis 200 v. Chr. entsteht die Bhagavad Gita. Sie ist Teil der Mahabharata und besteht aus 18 Gesängen, die in 700 Strophen unterteilt sind. Sie ist die zentrale Schrift des Hinduismus. Drei voneinander abhängige Yogawege werden hier gelehrt.

Um 400 bis 500 n. Chr. entsteht die Yoga-Sutra des indischen Gelehrten Patanjali. Es sind 195 Verse. Sie beinhalten de das Raja- oder Ashtanga-Yoga, den achtgliedrigen Yogaweg. Dort geht es um Moral und Ehtik, um Yogapositionen und Meditation. Die Asanas sind die Yogastellungen, Pranayama ist die Atemtechnik und Dhyana die Meditation., die bis zur Versenkung, Samadhi, führt.
Im 15. Jahrhundert entsteht das Hatha-Yoga des Yoga-Gelehrten Svatmarama. Seine Hatha-Yoga-Pradipika koppelt den körperbezogenen Hatha-Yoga vom spirituellen Raja-Yoga ab, sieht den Hatha-Yoga als eine Vorstufe des Raja-Yoga. Damit wird Hatha-Yoga zu einer selbständigen Yogaform. Beim Hatha-Yoga geht es um Asana, die Yogapositionen, um Pranayama, die Atemübungen, um Mudra, die Konzentrationsübungen und um die Versenkung, Samadhi.

Auch die Shiva Samhita, die zweite klassische Hatha-Yoga-Textsammlung fällt in diesen Zeitraum. Dort werden 84 Aslanas, 11 Mudras und 5 Pranayama Techniken beschreiben. Des weiteren geht es dort um Trantrapraxis, um die Yogaphilosophie und Meditation.

Im 17. Jahrhundert entsteht die dritte klassische Hatha-Yoga-Textsammlung, die Gheranda Samhita. Sie besteht aus sieben Unterweisungen. Es geht wieder um Asana, Mudra, Pranayama, Dhyana und Samadhi.

Im Jahr 1785 wierd die Bhagavad-Gita von Charles Wilkins in Benares in die englische Sprache übersetzt.

Von 1836 bis 1886 lebte Ramakrishna, ein bedeutender hinduistischer Mystiker. Es wird berichtet, dass er bereits als Kind göttliche Visionen hatte. Im Verlauf seiner Studien soll er Samadhi, das Stadium der Nicht-Zweiheit erreicht haben.

Von 1828 bis 1895 lebte Lahiri Mahasaya, ein geistlicher Lehrer und Yogi. Er wird von seinem Meister 1858 in das Kriya-Yoga eingeweiht und beauftragt, Menschen jeden Glaubens Yoga zu lehren.

1994 erscheint die „Heilige Wissenschaft“ des Yoga-Gelehrten Sri Yukteswar Giri. Der Yogi geht darin auf Methoden zur Entwicklung des geistigen Potenzials des Menschen ein. 1920 beauftragt er seinen Schüler Paramahansa Yogananda damit, Kriya-Yoga im Westen zu verbreiten.

1910 entwickelt Sri Aurobindo Ghose den Integralen Yoga als modernen Weg der Bewußtseinsentwicklung.

1925 gründet Paramahansa Yogananda in Los Angeles die spirituelle Organisation Self-Realization Fellowship. Dort wird das Kriya-Yoga als Teil des Raja-Yoga der westlichen Öffentlichkeit vorgestellt.
1935 werden erstmals westliche Schüler von einem indischen Yoga-Meister, nämlich von Krishnamacharya unterwiesen, darunter B.K.S. Iyengar.

1936 gründet der indische Arzt und Yoga-Gelehrte Sivananda den Sivananda-Ashram in Rishikesh und gleichzeitig die Divine Life Society. Sivananda lehrt Yoga als Synthese der klassischen Yoga-Formen.

1966 veröffentlicht B.K.S. Iyengar das Buch Light of Yoga. Damit wird Hatha-Yoga zur meistpraktizierten Yoga-Form in Europa und den USA.

1968 wird der von den Sikhs praktizierte Kundalini-Yoga durch den indischen Yoga-Meister Bhajan in den USA eingeführt.

1972 wird das dynamische Ashtanga-Yoga unter dem Namen „Power Yoga“ in den USA bekannt.

Im Jahr 2003 werden die vedischen Hymnen in die UNESCO-Liste der Meisterwerke des mundlichen und immateriellen Erbes der Menschheit aufgenommen.

Die Upanishaden und Patanjali

Um etas 700 v. Chr. werden in den älteren Upanishaden Atemübungen und das Zurückziehen der Sinne (Pratyahara) in den Atman als Hilfsmittel der Meditation (Dhyana) dargestellt.

In den mittleren Upanishaden, die um 400 v.C. datieren, wird bereits mehrfach der Begriff Yoga erwähnt und es werden auch die wesentlichen Elemente des späteren Yoga-Systems dargestellt. Dabei war der Yoga in enger Beziehung zu den Theorien des philosophischen Systems des Sankhya.

Etwa 300 v. Chr. entstand das Mahabharata. Dort nimmt der Yoga bereits einen herausragenden Platz ein. Er wird dort als praktisches Gegenstück zum theoretischen Sânkhya dargestellt. Die Mahabharata und die älteren Puranas nennen Kapila und andere als Begründer des Yogas. Im Gegensatz dazu halten die jüngeren Puranas Patanjali als Urheber des Yoga-Systems. Man kann jedoch davon ausgehen, dass Patanjali die überlieferten Yoga-Lehren im 2. oder 4. Jahrhundert n.Chr. zusammenfasste. Das Werk Patanjalis besteht aus 194 kurzen Merksprüchen (Sutren), die auf vier Bücher verteilt sind.

Sanskrit – die alte Sprache Indiens

Sanskrit wird heute nicht mehr gesprochen. Es ist die klassische Sprache der Brahmanen, der hinduistischen Priester. Die Veden, die Upanishaden und die Bhagavad Gita, sämtliche heiligen Schriften der Hindus, sind in Sanskrit verfasst, so auch alle wichtigen Texte zum Yoga. Gesprochen wird Sanskrit heute in Indien (nur) noch zu allen religiösen Ritualen. Sanskrit soll in Indien aber wieder lebendig gemacht werden. In den meisten Schulen wird es als dritte Sprache neben Hindi und Englisch unterrichtet.

Das Sanskrit wird zur Familie der indogermanischen Sprachen gerechnet, hat damit einen gemeinsamen Ursprung mit den modernen europäischen Sprachen, aber auch mit Latein und Griechisch. Heute ist Sanskrit in Indien eine Amtssprache; es gibt dort insgesamt 22 Amtssprachen. Sanskrit ist das Latein Indiens. Er wird für wissenschaftliche, philosphische und religiöse Texte verwendet.

Die Sprache des Sanskrit ist wesentlich älter als die Schrift. Die meisten Sanskrittexte wurden mündlich überliefert, ehe sie viel später aufgeschrieben wurden. Im 5. Jahrhundert v. Chr. wurden in einem grammatikalischen Werk Regeln zum Sprachgebrauch fixiert. Heute ist Devanagari die am weitesten verbreitete Schrift für Sanskrit. Im 19. Jahrhundert wurde eine lateinische Umschrift für das Sanskrit geschaffen.

Die modernen Yogaübungen

Seit dem 15. Jahrhundert hat sich in Indien Yoga vom spirituellen zum körperlichen hin entwickelt. Im Westen wird der körperbezogene Yoga seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dem spirituellen Yoga vorgezogen. Und – der moderne Yogaweg ist nicht mehr an eine Schule gebunden. Im Vordergrund steht die Praxis, in erster Linie die körperlichen Übungen oder auch die meditativen Aspekte. Das heutige Yoga hat keine wirklichen Regeln, allenfalls Verhaltensvorschriften, die als Empfehlung an die Yoga-Schüler zu verstehen sind. Denn die heutige Yoga-Lehre ist kein philosophisches System mehr, sondern sie ist pragmatisch orientiert: die gesundheitsfördernden und therapeutischen Wirkungen stehen im Vordergrund. Yoga wird als Bereicherung des Lebens angesehen, unabhängig von religiösen oder weltanschaulichen Überzeugungen. Die Zeit der Gurus, der Yogameister, und der Yoga-Doktrinen ist vorbei. Allein maßgebend sind nur noch die unumstrittenen positiven Wirkungen der Yogapraxis.

In der 2. Hälfte des letzten Jahrhunderts hat sich das moderne Yoga entwickelt. Es ist nicht an eine bestimmte historische Schule geknüpft. Die Praxis des Yoga steht im Vordergrund; diese kann körperbezogen oder mediativ sein. Yoga wird angesehen als individuelle Bereicherung oder als Beitrag zur persönlichen Entwicklung, weitgehend unabhängig von religiösen oder weltanschaulichen Überzeugungen des Schülers. Gurus und Doktrinen haben keine besondere Bedeutung mehr.
Verhaltensvorschriften gibt es sehr wenige; die Regeln sind für die Schüler Empfehlungen ohne verpflichtenden Charakter. Das moderne Yoga ist kein philosophisches System. Methoden zur Reinigung werden in Hinblick auf gesundheitsfördernde Wirkungen gesehen. Yoga hat einen Trainingseffektes auf Körper und Geist. Die Psychosomatik kennt das Zusammenspiel von Körper und Geist ebenso.
Im Sinne eines ganzheitlichen Körperbegriffs, sarira genannt, gibt es auch moderne Yoga-Richtungen, die das soziale und ökologische Umfeld mit in den systemischen Körperdialog einstellen, z.B. das Marma-Yoga.

Heute

Das aus Indien stammende Yoga hat sich in der Gegenwart weltweit etabliert. Es ist beinahe zu einer Volksbewegung geworden.

Neben den traditionellen Yoga-Richtungen werden – im Zuge der Fitness- und Wellness -Welle – immer wieder neuartige Yoga-Richtungen geschaffen. Die Folge ist, das es eine nicht mehr überschaubare Anzahl von Yoga-Schulen gibt. Als Beispiel soll das sog. Poweryoga aus Amerika genannt werden.

uch das Bikram Yoga zählt den jüngsten Schöpfungen; es ist ein den Körper herausforderndes Yoga bei hoher Raumtemperatur.

In New York entwickelte sich das Jivamukti Yoga, welches den Einklang mit der Schöpfung in den Mittelpunkt stellt.

Jede Volkshochschule und beinahe jedes Fitnessstudio hat Yogakurse im Programm. In Deutschland praktizieren etwa 2,5 bis 5 Millionen Menschen regelmäßig Yoga. Umfragen haben ergeben, dass jede zweite Frau Yoga schon einmal ausprobiert hat, von den Männern hingegen nur vier Zehntel. Und mehr als zwei Drittel der Befragten, die noch keine Erfahrungen mit Yoga gesammelt haben, würde es gerne ausprobieren. Yoga ist zu einem Wirtschaftszweig geworden. In den USA wird der jährliche Umsatz rund um Yoga mit drei Milliarden Euro beziffert. In Deutschland dürfte sich der jährliche Umsatz auf etwa 500 Millionen Euro belaufen. So hat die Medizin Yoga für sich in Anspruch genommen und arbeitet die vorbeugende gesundheitsfördernden Wirkungen der Yoga-Übungen heraus. Krankenkassen übernehmen deshalb in vielen Fällen die Kosten eines Yogakurses.

Immer mehr Yogaschulen unterschiedlicher Richtungen bieten Übungsprogramme an. So gibt es Blitz-Yoga, Power-Yoga, Nackt-Yoga oder Lach-Yoga, um nur einige anzusprechen. Der Bücher- und DVD-Markt wird ebenfalls immer umfangreicher. Viele Prominente springen auf den Yoga-Wagen und produzieren Yoga-Bücher oder Yoga-DVDs.

Boris Sacharow, der ein Schüler Sivanandas ist und dem Yoga im Westen den Weg bereitet hat, sagte: „Von Tag zu Tag schießen neue Yogapilze aus dem durch üppige Phantasie übersättigten Boden der Orientalistik, und es werden neue Namen zutage gefördert wie Sattva Yoga, Buddhi Yoga, Purna Yoga usw. usw. – als ob die klassischen Yoga-Arten, wie man die ersten fünf zu nennen pflegt (nämlich Karma, Bhakti, Hatha, Raja und Jnana), nicht vollauf genügt hätten.“

Dieser Aussage möchten wir uns gern anschließen!